© 2010 Tobias Seifert

Heiliges Nass

In den vergangenen 5 Monaten hatte ich hier in Indien nun schon Einiges erlebt. Varanasi war jedoch anders. Relativ locker bin ich die Reise von Bodhgaya über Gaya per Zug in die über 5000 Jahre heilige Stadt am Ganges angegangen. Nach dem typischen Riskhastress jedoch war alles andere als Entspannung angesagt. Mein Ziel, das Shanti Guest House, lag im alten Teil der Stadt direkt am Fluss und war extrem schwer ausfindig zu machen. Enge Gassen, kreuzende Motorräder, Hunde, Kühe, extreme Hitze, Menschentrubel und aggressive, streunende Hunde (Locals halfen mir) machten das Navigieren mit Vollbeladung zur Herausforderung. Nachfragen war angesagt. 20 Minuten und mehrere Tippgeber (inkl Trinkgeld) später war das Guesthouse endlich erreicht. Und auch der erste Weg nach dem Einchecken machte mich sprachlos. Er führte an das große Manigarnika Ghat - es lag dem Guesthouse am nächsten. Rauchschwaden durchzogen die Gassen, Menschenmeuten trugen beladene und geschmückte Tragen in Richtung Fluss. Bei meiner Ankunft am Ghat wurde schnell klar, was auf den Tragen lag. Verstorbene, deren öffentliches Verbrennen auf Holzstapeln gleichzeitig zudem die Ursache für die Rauchschwaden war. Zwei “Burning-Ghats” gibt es in Varanasi. Leichen werden hier gegen Entgelt verbrannt. (In Varanasi verbrannt zu werden oder zu sterben ist für Hindus bedeutend) Verschiedene Holzarten können für das Verbrennen gewählt werden, die Asche wird im Ganges verstreut. Dieser führt nur Zeit nur wenig Wasser, extrem groß die dadurch entstandene Sandbank. Riesig war auch die Sehnsucht nach Regen, wie hier immer wieder zu hören war. So niedrig wie in diesem Jahr wäre der Wasserstand noch nie gewesen. Die Stimmung an den zahlreichen Ghats war irgendwie seltsam, aber faszinierend. Leute baden, beten, tranken (!) oder wuschen sich mit dem Wasser des Ganges. Hochheilig ist dessen Nass, hochphotogen die Szenerie.  Doch genauso heilig das Wasser und die Stadt, so unglaublich verdreckt ist der Fluss (und auch die Stadt). Menschen baden geschätzte zehn m von den Burning Ghats entfernt, Kinder und Jugendliche spielen Cricket neben den brennenden Leichen, Angehörige beten neben den Feuern, Tier-Kadaver treiben den Fluss entlang, Leichen werden an der Sandbank angespült. Selbst für Buffalos wurde der Ganges zur Waschstraße umfunktioniert, danach die Gassen als Treibgebiet benutzt, die Wiesen der Stadt als Weidegebiet abgegrast. Allmöglicher Dreck wird direkt in den Fluss geleitet. Wie hier Menschen bei den aktuellen Bedingungen baden, geschweige denn Flusswasser trinken können, ist mir unbegreiflich. In den letzten dreißig Jahren soll die Verschmutzung extrem zugenommen haben, wie mir ein Bootsmann erzählte. Hilfsprogramme und Gegenmaßnahmen wurden zwar gestartet, doch die Wirkung lässt auf sich warten. Varanasi steht aber nicht still. Allabendlich finden Puja-Zeremonien zu Ehren der Hindu-Götter statt, die perfekt in das Stadtbild am Fluss passen und für eine begeisternde Szenerie sorgen. Besonders durch die Bootstouren auf dem Ganges bei Sonnenuntergang bekommt man einmalige (Licht-)Blicke auf die Ghats und die Zeremonien. Für mich war Varanasi atemberaubend, beeindruckend, intensiv und extrem. Nicht nur wegen der Szenerie und der Hitze um die 40°C, auch fast gleichhohes Fieber machten die Fototouren zum Abenteuer.  Schlussendlich kam ich um  fast zwei Tage Bettruhe und Antibiotika nicht herum. Aber alles wieder im Lot. Über die Ursache jedoch rätsel ich noch. Ganges-Wasser jedenfalls habe ich nicht getrunken.

2 Comments

  1. Karin
    Posted 15. Juli 2010 at 06:56 | #

    Hallo Tobias,

    Deine Berichte und Bilder sind unglaublich beeindruckend!

    Grüße von der Heimatuni,
    Karin.

  2. Tobias Seifert
    Posted 15. Juli 2010 at 14:12 | #

    DANKE für das Lob! Das Feedback motiviert! ;) Viele Grüße!

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